Das Auerwild im Winter

Das Auerhuhn ist aufgrund seiner evolutionären Herkunft aus den Taigawäldern an die kalte Jahreszeit bestens angepasst. Gut beschreiben lässt sich diese Anpassung anhand der Körperausstattung dieses großen Hühnervogels, welche im Wesentlichen auch für unsere anderen Raufußhühnerarten gilt:

Ein kräftiger Schnabel dient zum Abscheren, Abreißen und Pflücken von Nadeln, verholzten Pflanzenteilen und Knospen. Befiederte Nasenlöcher schützen diese vor dem Eindringen von feinem Schnee. Ein großer Kropf ist notwendig, um in kurzen Wintertagen genügend Nahrungsvorrat für die langen Winternächte zu speichern. In einem kräftigen Muskelmagen wird die hauptsächlich aus Nadeln und verholzten Teilen bestehende Äsung mit Hilfe von Magensteinchen aufgerieben. Eine besondere Anpassung stellen die beiden langen Blinddärme dar, in denen mittels Mikroorganismen die zellulosereiche Nahrung aufgeschlossen wird. Die befiederten Füße und die mit seitlichen Hornplättchen besetzten Zehen („Balzstifte“) bieten Schutz bzw. Hilfe bei der Fortbewegung im Schnee. Die Konturfedern besitzen zur besseren Wärmeisolation einen ausgeprägt flaumigen Afterschaft. Der gesamte Körperbau des Auerwildes ist darauf ausgelegt, sich sowohl auf dem Boden schnell laufend fortzubewegen, als auch geschickt auf Zweigen klettern zu können.

tl_files/jaegerschaft/2016/Februar/Wildoekologie/Auerwild Winter/Monika.Pfeifer1.jpgIM WINTER AUF DEN BÄUMEN
Im Winter auf den Bäumen, im Sommer auf dem Boden. So könnte man generell den bevorzugten Aufenthalt des Auerwildes in seinem Lebensraum beschreiben. Es ist natürlich die Zugänglichkeit der Nahrung, welche den Aufenthaltsort bestimmt. Mit der Zunahme der Schneedecke verlagert sich dieser daher zunehmend auf die Bäume und Nadeln rücken in der Ernährung in den Vordergrund. Dabei spielt die Kiefer eine bevorzugte Rolle, dieser Nadelbaum wird von den Vögeln gezielt aufgesucht. Wer einzelne Kiefern in seinem Revier hat, dem wird aufgefallen sein, in welchem Ausmaß diese von Auerwild "verbissen" werden können. Nach der Kiefer stellen die Fichtennadeln die Hauptnahrung dar, aber auch Tannen können angenommen werden, daneben noch Wacholder und Bergahorn. Ausschlaggebend ist das jeweilige Angebot. Mit zunehmender Setzung und Verfestigung der Schneedecke im Spätwinter suchen vor allem Hahnen auch wieder den Boden auf. Einerseits zur Nahrungssuche an jungen Bäumen, aber auch um erste Zeichen der Anwesenheit für die kommende Balz zu setzen.

VON WINTERLOSUNG, BALZPECH UND SELTENEN SCHNEEHÖHLEN
Immer wieder hört man, dass Hennen bei der winterlichen Nahrungssuche die Nadeln eher abscheren, die Hahnen diese dagegen meist abreißen. An sich ein Detail, aber was macht die Hennen gelassener und die Hahnen so ungeduldig? Nun, vielleicht ist es einfach der Umstand, dass Hahnen das doppelte Körpergewicht der Hennen haben und daher über den kurzen Wintertag auch entsprechend mehr an Nahrung in ihren Kropf füllen müssen, welcher immerhin ein Volumen von einem ¾ Liter umfasst. Dieser Inhalt wird während einer Winternacht verdaut, ein enormer Grundumsatz, um bei der kargen Nahrung zu ausreichender Energie zu gelangen. Dies zeigt sich auch darin, dass von einem Vogel etwa alle 12 bis 13 Minuten eine Losungswalze abgegeben wird. Für viele erscheint es nicht nachvollziehbar, dass eine solche Menge Losung nur von einem Vogel stammt! Gleiches lässt sich auch bei unseren anderen Raufußhühnern beobachten. Besonders beim Birkwild lassen sich auf geeigneten Stellen, z.B. an Nordhängen mit Lockerschnee, im Frühjahr die ausgeaperten Losungshaufen aus den Schneehöhlen finden. Aufgrund der Anzahl der meist gut erhaltenen Losungswalzen lässt sich auf die Länge der Winternacht und damit den recht genauen Zeitpunkt der Anlage der Schneehöhle im Winterverlauf schließen. Bei Schneehühnern konnte durch eigene Beobachtung an Tagesruheplätzen aber auch in Übernachtungsmulden diese kurze Zeitspanne bei der Losungsabgabe ebenfalls bestätigt werden.
Aufgrund der hohen Verdauungsaktivität müssen auch die langen Blinddärme (bei Hahnen bis zu 180 cm lang, bei Hennen 140 cm) entleert werden. Dies geschieht wohl während der Nacht bzw. in den frühen Morgenstunden, da z.B. in den Schlafhöhlen der Birkhühner bei den Losungswalzen immer auch Blinddarmlosung zu finden ist. Diese von Jägern auch „Balzpech“ oder „Balzlosung“ genannte, weiche, breiige, schwarzbraun gefärbte Masse hat natürlich mit der Balz nichts zu tun, sondern kommt das ganze Jahr vor, insbesondere bei der Verdauung der zellulosereichen Nahrung im Winterhalbjahr. Da Auerwild bei uns eher selten Schlafhöhlen anlegt, findet sich das „Balzpech“ gemeinsam mit den trockenen Losungswalzen unter den Schlafbäumen. Besonders auf Schnee ist dies sehr auffällig und von den Jägern im Frühjahr bei der Jagd auf den balzenden Hahn auch bemerkt und als Eigenheit der Balz zugeordnet worden.tl_files/jaegerschaft/2016/Februar/Wildoekologie/Auerwild Winter/Thomas.Huber.jpg
Wie Vögel allgemein, können auch Raufußhühner Energie nicht längerfristig z.B. in der Form von Fettdepots speichern, daher der notwendige tägliche hohe Grundumsatz. Die sich daraus ergebende Strategie kann somit nur sein, die Energieabgabe in kalten Winterphasen möglichst zu minimieren. Hier haben die Hühnervögel eine perfekte Anpassung entwickelt: das Überdauern stürmischer und kalter Nächte aber auch Teile des Tages in Schneehöhlen oder Schneemulden. Dazu graben sich die Hühner aktiv in den Schnee ein, wobei sich zwischen Eingrabestelle und Ruheplatz ein rund ein Meter langer Tunnel befindet. Die Dicke der Schneeschicht oberhalb der Höhle ist je nach Hühnerart verschieden, beträgt jedoch nicht mehr als 15 – 20 cm. Der große Vorteil dieser Strategie liegt in der isolierenden Wirkung des Schnees: bei z.B. – 20° C Außentemperatur beträgt diese in der Schneehöhle um die 0° C – was für die Vögel eine wesentliche Energieersparnis bedeutet!
Bei uns legen Birkhühner bei entsprechender Schneelage recht häufig Schneehöhlen an, Schneehühner wählen je nach Situation zwischen Schneehöhlen und Schneemulden. Auerwild verbringt in seinen nördlichen Vorkommensgebieten die Nächte häufig in Schneehöhlen, bei uns kommt dies eher selten vor, wohl nicht zuletzt wegen der notwendigen Höhe der Schneelage bei diesem großen Hühnervogel. Öfter werden vom Auerwild bei uns jedoch Schneemulden angelegt, meist unter herabhängenden Ästen von Schirmfichten. Bei Schneemulden gräbt sich der Vogel im Schnee ein, bis die Rückenlinie unter der Schneeoberfläche liegt. Auch dies ergibt schon einen guten Schutz vor Wind und Kälte. In diesem Zusammenhang sei auf die wichtige Funktion von Schirmfichten verwiesen! Diese markanten, meist tief beasteten Bäume stellen insgesamt, aber auch gerade in Verbindung mit Schnee neben der Deckung besten Witterungsschutz dar. Und dies nicht nur für Auerwild, sondern eine Vielzahl von Wildtieren bis hin zum Schalenwild. Daher sollte bei Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung und anderen Holznutzungen auf diese Baumindividuen allgemein Rücksicht genommen werden!

tl_files/jaegerschaft/2016/Februar/Wildoekologie/Auerwild Winter/Thomas.Huber1.jpgSTANDORTTREU UND DOCH FLEXIBEL
Die Winterlebensräume werden von Hahn und Henne etwas unterschiedlich genutzt. Während Hahnen offenere, lichtere Althölzer und Bestandesränder bevorzugen, verteilen sich die Hennen gleichmäßiger im Gebiet und suchen auch dichtere Bestände auf. Jedenfalls sind die Geschlechter getrennt, und je nach Siedlungsdichte im Gebiet trifft man meist kleine Trupps von 2 – 3 Vögeln an.
Vor allem ältere Hahnen sind insgesamt sehr standorttreu. Sie wechseln zwar oftmals zwischen Balz- / Wintereinständen und Mauser- / Sommereinständen, wobei diese Gebiete mehrere Kilometer auseinander liegen können. Innerhalb dieser wechselnden Jahreseinstände bewegen sie sich jedoch auf kleinem Gebiet, oft nicht größer als 40 – 50 ha. Bei einer Studie in den bayrischen Alpen lagen die Winterstreifgebiete von Hahnen und Hennen bei rund 150 ha. In jedem Fall streifen die Junghahnen auch im Winter in einem größeren Gebiet umher und auch die Hennen zeigen sich insgesamt in der Raumnutzung flexibler, z. B. beim Aufsuchen von besonders geeigneten Nahrungsbäumen. Der vermehrte winterliche Aufenthalt in den Bäumen erlaubt dem Auerwild innerhalb der Wintereinstände auch steilere Gebiete zu nutzen, wogegen seine bevorzugten Aufenthaltsgebiete zu den übrigen Jahreszeiten wegen der Fortbewegung am Boden eher geringer geneigt sind.

VERWENDETE LITERATUR:

  • Klaus, S., Andreev, A.V., Bergmann, H.H., Müller, F., Porkert, J. & J. Wiesner (1989): Die Auerhühner. Neue Brehm Bücherei, Ziemsen Verlag.
  • Zeiler, H. (2001): Auerwild – Leben. Lebensraum. Jagd. Österreichischer Jagd- und Fischereiverlag.

 

DI Thomas Huber
Raufußhuhnreferent

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